Von Halbe nach Frankfurt (Oder) und Seelow

Anlässlich des Volkstrauertages wollte die deutsche Neonaziszene wie in den vergangenen Jahren im November 2006 am Soldatenfriedhof im Brandenburgischen Halbe aufmarschieren. Nach einem Rechtsstreit konnte sie jedoch nur eine Kundgebung durchsetzen. So wichen sie für ihre Demonstration in die Kleinstadt Seelow aus. Zahlreiche Nazis nutzten zur Anreise den Weg über Frankfurt (Oder) und spielten mit der überforderten Polizei Katz und Maus.

Für den 18. November 2006 hatte der neonazistische “Freundeskreis Halbe e.V.” erneut zu einem der bundesweit größten Aufmärsche der Szene nach Halbe geladen. Dort wo die letzten Wehrmacht-Truppen völlig sinnlos in einer Kesselschlacht gegen die übermächtige Rote Armee kämpften, treffen sich jedes Jahr im Frühling und Herbst mehrere tausend Neonazis zum “Heldengedenken” an die NS-Armeen.
Doch diesmal ließ das Polizeipräsidium Frankfurt (Oder) – letztlich bestätigt durch das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg – nur eine Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz in Halbe zu.
Damit wollte sich der „Freundeskreis Halbe e.V.“ nicht zufrieden geben. Die Neonazis suchten nun nach einem alternativen Aufmarschort mit ähnlicher historischer Bedeutung.
Gefunden haben sie ihn in der Kreisstadt Seelow in Märkisch-Oderland, etwa 35km nördlich von Frankfurt (Oder). Auch hier auf den Seelower Höhen fand eine weitere völlig sinnlose Schlacht statt, welche die Eroberung Berlins und somit den Sieg über Deutschland nur um wenige Tage verzögerte. Der Aufmarsch in Seelow wurde durch den Hamburger Neonazi Christian Worch angemeldet.
Während sich beim “Tag der Demokraten” in Halbe nach Angaben der VeranstalterInnen bis zu 8.000 Menschen versammelten, um ein Zeichen für Weltoffenheit zu setzen, machten sich rund 1000 Neonazis ungestört auf den Weg nach Seelow. Aufgrund seiner Lage avancierte Frankfurt (Oder) zum Schleusungspunkt mehrerer hundert Rechtsextremisten.
Bereits am frühen Vormittag waren etliche Neonazi-Gruppen in der gesamten Innenstadt und in Bahnhofsnähe unterwegs. Im Zentrum griffen etwa zehn Neonazis eine kleine Gruppe Berliner AntifaschistInnen in einer Strassenbahn an. Die angegriffenen Antifas konnten sich jedoch in ein Café retten und erstatteten Anzeige bei der Polizei. Unter den Angreifern befand sich neben weiteren bekannten FCV-Ultras auch Andreas Bressel. Im Anschluss bewegten sie sich zum Hauptbahnhof, wo sie ebenfalls mit dem Zug zum „Heldengedenken“ fahren wollten.[1]
Kurz davor versuchten mehrere Mitglieder der NPD und freier Kameradschaften einen Bus am Brunnenplatz in Anspruch zu nehmen, der BürgerInnen kostenlos zu den Protesten gegen den rechten Aufmarsch nach Halbe fuhr.[2] Busfahrer und Fahrgäste traten der Provokation jedoch entgegen.
Die Neonazis, die unterdessen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Seelow anreisten, mussten in Frankfurt (Oder) umsteigen. Für AntifaschistInnen, die zu den Gegenprotesten nach Seelow per Zug anreisen wollten, war der Frankfurter Bahnhof zur „no-go-area“ geworden. Mehrere Hundertschaften der Bundespolizei, die sich am Frankfurter Hauptbahnhof befanden, verzögerten die Weiterfahrt der eintreffenden Neonazis, die größtenteils aus Sachsen, Südbrandenburg und Berlin kamen. Daraufhin verließen die 200 Neonazis den Bahnhof und begannen vom Bahnhofsvorplatz aus eine spontane Demonstration in das Stadtzentrum. So schreibt ein sächsischer Neonazi: „Noch während die Beamten versuchen die Situation einzuordnen, setzt sich ein Demonstrationszug in Bewegung. „Frei, sozial und national“, „Ruhm und Ehre der deutschen Wehrmacht“ schallt es durch die Straßen von Frankfurt. Vornweg ein Block wehender Fahnen.“[3] Bei dem Versuch den Zug zu stoppen wurde ein Polizeifahrzeug erheblich beschädigt. Nachdem die Polizei erst nach 750 m die Spontandemo stoppte, wurde die Hälfte direkt zum Bahnhof zurück gebracht.


Neonazis am 18.November auf dem Bahnhofsvorplatz in Frankfurt (Oder). Faksimile von freie-offensive.net.

Etwa 100 von ihnen gelang es, sich weiter in Richtung Ferdinandstraße zu bewegen, wo sie sich auf Hinterhöfen versteckten, ehe auch sie zurück zum Bahnhof gingen. Wieder am Hauptbahnhof versammelt, hielten die Neonazis zum Abschluss eine Mahnwache ab. Als der nächste Zug nach Seelow bereit stand, entschloss sich die Hälfte der angereisten Nazis wieder zurück nach Hause zu fahren, währenddessen andere, wie die FCV-Ultras, doch noch nach Seelow fuhren, um dort an der Abschlusskundgebung der Demonstration teilzunehmen.
Als Resumee ist festzuhalten, dass dieser Tag als Erfolg für die Neonazis gewertet werden muss. Trotz der untersagten Demonstration in Halbe, gelang es ihnen ein Heldengedenken in Seelow ohne nennenswerte Abstriche durchzuführen. Dass sie in Frankfurt (Oder) durch die spontane Demonstration und Angriffe zusätzlich ihre Stärke beweisen konnten, muss den hier relativ planlos agierenden Beamten vor Ort angelastet werden.


[1] Augenzeugenberichte der betroffenen AntifaschistInnen
[2] NPD-Presseerklärung auf npd-oderland.de
[3] Erlebnisbericht eines Teilnehmers auf freie-offensive.net vom 21.11.2006

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